10. August 2020

„Wir sind alle Gottes Kinder“ - Homosexuelle und Kirche


In den letzten Jahren hat sich in Bezug auf die Akzeptanz von Homosexuellen in Kirche und Gesellschaft zweifellos viel getan. Doch es gibt noch reichlich Luft nach oben.

Erst als Erwachsene wurde ihr bewusst, dass sie lesbisch ist. Erst mit 38 Jahren hat sie sich zu ihrer Homosexualität bekannt. Warum so spät? „Das war ja früher gar kein Thema“, erzählt die heute 70jährige Margot Seibüchler, „ich wusste lange gar nicht, dass sowas auch geht.“ Katholisch erzogen, war sie immer kirchlich sozialisiert, ihre Ausbildung zur Erzieherin hat sie bei katholischen Ordensschwestern absolviert. Kurz nach ihrem Coming-Out trat sie bereits 1989 dem „Netzwerk katholischer Lesben“ bei, 1992 kam sie bei einem Katholikentag in Kontakt mit der Ökumenischen Arbeitsgruppe HuK - „Homosexuelle und Kirche“, in deren Regionalgruppe Saar-Pfalz sie sich bis heute engagiert. Zwar erfuhr Seibüchler, wie sie selbst sagt, nie eine direkte Diskriminierung aufgrund ihrer Homosexualität, wurde nie angefeindet. Und doch war und ist es ihr wichtig, für die Akzeptanz homosexueller Menschen in der Kirche einzutreten. „Wir wollen von der Kirche als Mensch gesehen werden. Wir haben ein Fundament in der Kirche wie jeder andere auch und wir leben nicht in Sünde“, sagt sie.

 

1977 hat sich die bundesweit arbeitende Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche gegründet, gute zehn Jahre später formierte sich die Regionalgruppe Saar-Pfalz. Ziel der HuK ist, wie es auf der Homepage heißt, „die volle Teilhabe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter* (LSBTIs) am kirchlichen und gesellschaftlichen Leben. Als Zeuginnen und Zeugen der befreienden Botschaft von Bibel und persönlicher Gotteserfahrung arbeiten wir am Abbau von Vorurteilen gegenüber und Diskriminierung von LSBTIs innerhalb der Kirchen, für die vollständige berufliche Gleichstellung mit heterosexuellen Cismännern und -frauen, gegen die Diskriminierung von HIV-Positiven und an AIDS Erkrankten, an der Schaffung von Räumen, um als LSBTIs Spiritualität zu teilen, und an der Erkennbarkeit von uns als Christ*innen innerhalb der LSBTI-Gemeinschaft.“

 

Die jahrzehntelange Arbeit trägt erkennbare Früchte. Die Gesellschaft ist durchaus toleranter geworden und viele Tabus sind gefallen. Auch Kirche hat sich bewegt, vor allem die evangelische Kirche, für die in vielen Landeskirchen die Trauung oder Segnung homosexueller Paare eine selbstverständliche Amtshandlung ist, und in denen auch homosexuelle Pfarrer und Pfarrerinnen in Gemeinden Dienst tun. Doch das ist längst noch nicht in allen evangelischen Landeskirchen so, und auch die katholische Kirche hat noch einen weiten Weg vor sich, wenn sich auch schon hier und da die Bereitschaft zu Umdenken und Dialog zeigt. Und auch, wenn er oder sie vielleicht nicht mehr offen wegen der Lebensführung angefeindet wird, so sind auch heute noch der schwule Pfarrer oder die lesbische Pfarrerin in ihrer Gemeindearbeit so manchem Übergriff ausgesetzt. Das läuft dann allerdings auf eine ausgesprochen subtile Weise ab, die eine direkte Aussprache und Klärung des Konfliktes von vorneherein unmöglich macht. Pfarrer Michael Hilka von der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen und Pfarrerin Daniela Börger haben beide in ihrem Berufsleben schon solche unangenehmen Erfahrungen gemacht. Da wird man beobachtet wie mit dem Brennglas, jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt, ein harmloser Scherz wird – absichtlich? – missverstanden, allen Schlichtungs- und Versöhnungsversuchen wird sich hartnäckig widersetzt. Bei derartigen logisch gar nicht nachvollziehbaren Konflikten kann sich schon der Eindruck aufdrängen, dass hier jemand nur deshalb gepiesackt wird, weil er eben anders ist, und nicht, weil er wirklich in seiner Arbeit einen Fehler gemacht hat. (Was ja, nebenbei bemerkt, auch gar nicht so schlimm wäre und sich durchaus bereinigen ließe.) 

 

Ein weites Feld bleibt also noch zu bestellen, auch wenn wichtige Pionierarbeit schon geleistet wurde. Da ist es ein bisschen schade, dass es ein wenig an Nachwuchs mangelt. „Auf dem Papier haben wir zwar um die 20 Mitglieder, doch aktiv dabei sind weniger als zehn“, erzählt Alexius Klein von der HuK Regionalgruppe Saar-Pfalz. Auch würde eine Verjüngung nicht schaden, liege doch der Altersdurchschnitt zwischen 50 und 70 Jahren. „Aber es ist wie überall, ob im weltlichen Vereinsleben oder in kirchlichen Gruppen. Immer weniger Menschen wollen sich engagieren.“ Immer noch regelmäßig an jedem dritten Samstag im Monat findet der Queer-Gottesdienst statt, doch das monatliche Mittwochs-Treffen der Gruppe ist schon seit längerer Zeit und nicht erst seit dem Corona-Lockdown nicht mehr zustande gekommen. Der Gottesdienst ist als einziger seiner Art in der gesamten Region eine wichtige Anlaufstelle. Immer wieder kommen auch neue und jüngere Leute dazu und werden zu regelmäßigen Besuchern. Zum Verständnis: „Queer“, so heißt es in einer Broschüre des QueerNet Rheinland-Pfalz, „ist der Oberbegriff für Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, asexuell, pansexuell oder inter* definieren und in ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität von heteronormativen Geschlechtervorstellungen abweichen.“

 

Zum ökumenischen Queer-Gottesdienst in der kath. Kirche Maria Hilf in Brebach bei Saarbrücken sind im Übrigen ausdrücklich alle Menschen eingeladen, nicht nur die LSBTI-Community. „Und es kommen auch immer einige, die gerade die besondere Atmosphäre der Verbundenheit und Gemeinschaft in diesem Gottesdienst sehr schätzen. Hier ist jede und jeder willkommen und angenommen.  „Bei euch kann ich auch mal weinen, ohne mich dessen schämen zu müssen“, sagte einmal eine - selbst heterosexuelle -  Gottesdienstbesucherin zu Alexius Klein. In einem „normalen“ Gottesdienst werde sie dafür oft einmal schräg angeschaut. Mit der Gemeinde feiert meistens Pfarrer Mathias Holzapfel von der katholischen Kirchengemeinde St. Martin in Brebach. Manchmal hält auch Pfarrerin Christine Unrath von der evangelischen Kirchengemeinde St. Wendel den Gottesdienst, wenn ihr Terminplan es erlaubt.

 

Neben seinem Engagement für die HuK hat Alexius Klein hat vor zwei Jahren den Verein „Queere Christen Saar-Pfalz e.V.“ mitins Leben gerufen. „Gerade die älteren unter uns haben oft enorm unter Ausgrenzung gelitten und waren zum Teil erheblichen Schikanen ausgesetzt, unter deren Folgen sie bis heute leiden“, sagt er. Schlimm sei für homosexuelle Christen besonders der Vorwurf, in Sünde zu leben. „Wir wollen Vorbehalte abbauen und Gleichberechtigung erreichen. Wir wollen Brückenbauer sein von der Community in die Kirche hinein und auch umgekehrt von der Kirche hinein in die Community. Wir wollen als vollwertige Menschen und Christen von der Kirche angesehen werden“, sagt Klein. Sein Zukunftsideal: „Dass gar nicht mehr gefragt wird, ob man heterosexuell oder homosexuell ist, sondern dass jeder Mensch herzlich willkommen ist und angenommen wird. Und dass für jeden klar ist: Wir sind alle Gottes Kinder.“

 

                                                                           Von ANDREA REINMANN

Ökumenischer Queer-Gottesdienst:

Jeden 3. Samstag im Monat um 20 Uhr in der kath. Kirche Maria Hilf in Brebach

Informationen zum Thema:

Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexueller Christen: www.huk.org

Queere Christen Saar-Pfalz, Ansprechpartner: Alexius Klein

info@queerechristen.de  oder alexius.klein@queerechristen.de





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